Spiegelt das, was wir auf Instagram & Co. sehen, wirklich die Realität wider? Oder werden wir jeden Tag aufs Neue getäuscht? Und was hat der „Radetzkymarsch” von Joseph Roth damit zu tun?
Im Deutschunterricht haben wir das Buch Radetzkymarsch von Joseph Roth gelesen und uns intensiv darüber unterhalten. Die Geschichte handelt von der Adelsfamilie Trotta, eine Adelsfamilie, deren Untergang mit dem Untergang des Habsburgerreiches vor dem Ersten Weltkrieg gleichgesetzt wird. Genauer geht es um Carl Joseph Trotta, einen Soldaten, welcher aufgrund einschneidender Erlebnisse und eine Persönlichkeit, die nicht zum Armeeleben passt, am Armeeleben zerbricht und in seiner ersten richtigen Schlacht stirbt.
Im Roman geht es jedoch nicht nur um Untergang und Zerfall. Es stellt sich auch oft die Frage, was Schein und Sein ist, was Tradition und Moderne ist. Was wird als Realität dargestellt, und was ist wirklich Realität? Sehr oft wird, gerade von einer älteren Generation, eine Tradition, ein Schein, aufrechterhalten. Dieser Schein entspricht jedoch nicht der Wahrheit. Die Moderne, also oft die jüngere Generation, lüftet diesen Schein und zeigen, was wirklich ist. Das Sein.
Joseph Roth zeigt das in seinem Roman sehr gut und auf unterschiedliche Weise. Wir haben uns als Klasse im Unterricht eine Liste mit verschiedenen Bereichen erstellt, in denen versucht wird, den Schein aufrechtzuerhalten, aber es durch den Schein gelüftet wird. Ich möchte nun ein drei solcher Beispiele aufzeigen.
Erstens wird versucht, den Schein zu wahren, dass es in der Gesellschaft und speziell im Militär darum geht, Werte, Sitten und Religion zu pflegen. Jedoch erlebt das Militär schon lange einen Wertezerfall. Die Soldaten und Offiziere gehen in Bordelle, verfallen dem Alkohol und der Spielsucht.
Zweitens wird das Reich so dargestellt, als lebe es auf wie in der guten alten Zeit. Tatsächlich ist das Reich schon lange am Bröckeln und Auseinanderfallen.
Drittens wird der Kaiser als Projektionsfläche für die Grösse und die Herrlichkeit des Reiches dargestellt. In Wirklichkeit ist der Kaiser ein alter, machtloser Mann, der die von ihm geführten Kriege bereut. Es gäbe noch viele weitere Beispiele. Es stellte sich mir nun die Frage, ob auch heutzutage ein Schein aufrechterhalten wird, der in Wirklichkeit gar nicht so ist. Ein sehr grosses und bekanntes Beispiel ist den sozialen Medien, denen ich mich im nächsten Abschnitt widmen werde.
Soziale Medien bestimmen das Leben von Millionen, ja Milliarden von Menschen. Täglich werden Dutzende kurze Videos angesehen, Stories von bekannten und unbekannten Personen angeschaut und Bilder geteilt und geliked. Informationen von anderen Menschen fluten die sozialen Medien, wie noch nie zuvor. Schöne Bilder von Ferien, von süssen Katzen, von muskulösen Körpern sind für jedermann zugänglich. Doch es stellt sich nun doch die Frage, ob all diese Videos und Bilder der Wirklichkeit entsprechen.

Dazu muss zuerst die Frage beantwortet werden, was überhaupt auf den sozialen Medien gepostet wird. Diese Frage lässt sich beantworten, indem wir uns selbst fragen, was wir posten würden und warum. Meistens geht es darum, anderen zu zeigen, was man hat und wo man ist. Wie gesagt, schöne Ferien, muskulöser Körper. Wir möchten der Aussenwelt unsere guten Seiten zeigen und nicht unsere schlechten.
Mit diesem Wissen lässt sich schon vermuten, was tatsächlich in den sozialen Medien zu finden ist. Eine Realität, die nicht real ist. Das Problem dabei ist, dass wir Menschen uns dann mit den anderen Menschen vergleichen. Somit wird ihre Irrealität zu unserer Realität, und die Sorgen und Probleme beginnen. Warum bin ich nicht in den Ferien? Warum sehe ich nicht so aus? Und so weiter. Dieses Vergleichen ist gefährlich, denn es kann zu ernsthaften psychischen Problemen führen.
Um nun den Bogen zum Buch zu schlagen: Beim "Radetzkymarsch" wird ein Schein aufrechterhalten, der nicht der Realität entspricht. Es wird so getan, als wäre alles in Ordnung wäre, aber es ist es nicht und es sickert auch zunehmend durch, dass nicht alles in Ordnung ist. In den sozialen Medien wird der Schein so aufrechterhalten, indem eine falsche Realität dargestellt wird, nämlich nur die eine Seite der Medaille. Es wird alles Schöne und Gute dargestellt, aber nicht die Probleme, die Arbeit die dahintersteckt etc.
Was lässt sich nun daraus lernen? Es ist wichtig, dass wir kritisch gegenüber dem sind, was wir in den sozialen Medien sehen. Wir sehen nur eine Seite, nur etwas, aber nicht alles und wir müssen im Kopf bewahren, dass es eine andere Seite gibt. So kann unsere mentale Gesundheit gestärkt werden und der Schleier abgesetzt werden.